Inkontinenzversorgung aus Stoff für Erwachsene- Interview mit einem Anwender

Vorwort

Heute geht es um ein Thema, welches sehr viel Feingefühl benötigt, da sich viele Betroffene mit der Thematik nicht an die Öffentlichkeit trauen.

Inkontinenz

Was ist eine Inkontinenz? Inkontinenz ist die körperliche Unfähigkeit Harn und/ oder Stuhl bei sich zu behalten.

Was löst Inkontinenz aus? Die häufigste Ursache ist wohl das Alter, aber auch unfallbedingt, krankheitsbedingt oder situationsbedingt, z.b. nach einer Geburt, kann eine Inkontinenz auftreten. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten der Inkontinenz unterschieden:

  • Dranginkontinenz
  • Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz)
  • Mischinkontinenz
  • Überlaufinkontinenz
  • Reflexinkontinenz
  • Extraurethrale Inkontinenz
  • Lachinkontinenz

Wer die Begriffe erklärt haben möchte, den Verweise ich auf den Wikipedia Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Harninkontinenz

Es gibt auf dem Markt reichlich Inkontinenzversorgung für Erwachsene. Einwegprodukte. Wie die Babyartikel machen diese jedoch sehr, sehr viel Müll. Sogar noch mehr, da Erwachsenenprodukte logischerweise größer sind und mehr Saugvolumen aufweisen.

Windelmüll wird im Zuge unserer Müllentsorgung verbrannt. Es dient der Energiegewinnung. Sollte es jedenfalls. Einwegwindeln sind größtenteils aus Plastik und der Saugkern besteht aus Polymeren Verbindungen dem sogenannten Superabsorber, ein Erdölprodukt. Um diesen verbrennen zu können werden hohe Temperaturen benötigt.

Ein großer Teil unseres Plastikmülls wird verbrannt. Übrig bleiben teils hochgiftige Filterstäube, die in Salzbergwerken zum Auffüllen von Abbauhohlräumen eingesetzt werden. Eine Spurensuche rund 800 Meter unter der Erde (…). Quelle: https://www.windelwissen.de/stoffwindeln-wegwerfwindeln-umwelt/

Inkontinenzversorgung

In der Erwachsenenpflege spricht man von Inkontinenzversorgung statt von Windeln.

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Überhose und Mullwindeln

Ist eine Inkontinenzversorgung aus Stoff nun auch für einen Erwachsenen sinnvoll? Interview mit einem Anwender:

 

Lieber Dieter S. *,

vielen herzlichen Dank, dass du bereit für dieses Interview warst. Es wird hoffentlich vielen eine Hilfe sein, die mit demselben Problem zu kämpfen haben und die Umwelt nicht links liegen lassen möchten.

*Name geändert

  1. Stelle dich kurz vor. Wer bist du? Wie alt bist du? Welcher Arbeit gehst du nach?

Ich bin Dieter S.,  48 Jahre alt und technischer Angestellter.

  1. Wie kam es zu deiner Inkontinenz? Wie schwer ist deine Inkontinenz?

Ich hatte schon lange eine Reizblase. In Zeiten größerer Anspannung und bei Stress meldete sich die Blase immer häufiger und signalisierte mit starkem Harndrang das es Zeit wird, die Toilette aufzusuchen. Dabei war die Blase aber keinesfalls voll und die abgegebenen Mengen eher gering.
Dieser plötzlich einsetzende Harndrang wurde mit der Zeit immer häufiger und stärker. Letztlich dann auch unkontrollierbar, so dass es zu unkontrolliertem Harnverlust kam.
Eine Weile habe ich dagegen Medikamente genommen, die allerdings bei mir zu Kopfschmerzen und trockenem Mund führten, dabei letztlich aber das Problem auch nur linderten und nicht komplett abstellten. Die Medikamente nehme ich wegen der Nebenwirkungen nicht mehr, habe aber einige Übungen zur Stärkung der Beckenmuskulatur erlernt, die etwas lindernd wirken.
Heute treten die Probleme mit der Blase unterschiedlich stark auf. Es besteht dabei allerdings ein Zusammenhang mit Stress und dem allgemeinen Befinden.
Die Mengen, welche unkontrolliert abgehen, sind dabei von wenigen Tropfen bis zu Mengen, die etwas einem Trinkglas (100…200ml entsprechen) und an manchen Tagen mehrmals, an anderen auch mal gar nicht. Zusätzlich kam es später auch im Schlaf zu unkontrolliertem Harnverlust.

  1. Warum versorgst du dich mit einer Inkontinenzversorgung aus Stoff? Wie bist du auf die Idee gekommen? Welche Inspirationen hattest du?

20181003_202203Wie die meisten Betroffenen habe auch ich anfänglich spezielle Slipeinlagen für Inkontinente getragen, welche aber im Fall des Falles nicht immer wirklich zuverlässig geholfen haben. Mit großen Vorlagen und Pants funktionierte es dann zwar „unfallfrei“, doch diese sind eigentlich überdimensioniert und sehr müllintensiv. Da ich mich ohnehin für Museales interessiere, kam die Überlegung auf, wie es wohl früher ohne Einweg funktionierte.
Im Keller hatte ich noch einige alte Mullwindeln, die dort die Jahrzehnte überdauert hatten und vermutlich irgendwann als Lappen geendet hätten. So kam die Idee, es damit zu versuchen.
Die erforderlichen Überhosen gab es zu meiner Überraschung auf Nachfrage im Sanitätshaus.
Sie mussten allerdings in der richtigen Größe erst für mich bestellt werden.
So probierte ich es zuerst zu Hause, später am Wochenende auch mal außer Haus. Dabei wurde ich im Umgang mit den Stoffwindeln immer sicherer und fühlte mich damit auch letztlich auch gut versorgt. Letztlich benutzte ich sie dann auch im Alltag, Job, beim Sport usw..

  1. Mit welchem System versorgst du dich?

Ich benutze ein absolut klassisches System aus Mullwindeln und undurchlässiger Überhose (Gummihose). Je nach Situation lege ich dabei auch mal zwei Mullwindeln oder ein zusätzliches Moltontuch ein.

 

  1. Wie handhabst du das in der Praxis? Wie integrierst du es in deinen Alltag?

Im Grunde ist es Teil des Alltages geworden und ich denke beim täglichen Umgang kaum noch drüber nach. Mit der Zeit hat sich dabei eine gewisse Erfahrung eingestellt, gerade auch in Bezug auf die mitzuführenden Wechselsachen, das Waschen und so weiter.

  1. Wie oft musst du die Inkontinenzversorgung wechseln?

Das hängt ein wenig davon ab, wie stark die Inkontinenz in Erscheinung tritt, ob ich Situationen meistern muss, bei denen keine Toilette in der Nähe ist und so weiter.

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Überhose mit Druckknopfverschluss

In der Regel betreibe ich aber morgens und abends eine intensivere Körperpflege und wechsle dabei die Versorgung auch komplett. Zwischendurch reicht es aus, die Windel bei Bedarf zu wechseln.

Die Überhose selbst nimmt keine Feuchtigkeit an, und muss daher nicht unbedingt mitgewechselt werden. Wenn ich mich unsauber fühle, wechsle ich sie aber auch mit.

Dabei bevorzuge ich besonders unterwegs Überhosen mit Druckknopfverschluss, da diese sehr leicht ohne ein komplettes Entkleiden gewechselt werden können.

  1. Wie machst du das mit dem großen Geschäft?

Ist keine besondere Herausforderung, da die Hosen ja entweder mit Druckknöpfen geöffnet oder rauf und runtergezogen werden können. Die Windel verbleibt dabei in der Hose. Ich versuche auch die „kleinen Geschäfte“ möglichst immer auf der Toilette zu verrichten, so dass nur die Mengen aufgefangen werden, welche ich unkontrolliert verloren habe.

  1. Wie oft musst du waschen?

Das variiert ein wenig, aber ein bis zweimal die Woche ist es schon.

  1. Wo sammelst du deine gebrauchten Windeln?

Die Windeln werden kurz ausgespült und dann im Windeleimer mit Essigwasser gesammelt.
Unterwegs im Wetbag (= Nasstasche aus PUL).

  1. Was hat sich in der Praxis am praktikabelsten herausgestellt?

Mit der Zeit stellt sich die Erfahrung und der Alltag damit ein. Es ist eigentlich nichts Besonderes mehr, worüber man nachdenkt oder sich besonders beschäftigt. Zuerst war es natürlich nicht einfach, vor allem habe ich mich ziemlich geschämt und hatte Sorgen, dass es jemand bemerken könnte.

  1. Woher beziehst du deine Versorgung?

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Mullwindeln hatte ich noch von früher im Keller. Diese habe ich mit Zukäufen auf dem Flohmarkt ergänzt. Einige habe ich auch neu hinzugekauft, wobei ich keine speziellen Bezugsquellen benutzt habe. Es gibt Mullwindeln praktisch in fast jedem Bekleidungsgeschäft, welches Babyartikel führt, ebenso in Drogerien und manchmal sogar beim Discounter. Eine gute Ergänzung sind Moltontücher, welche allerdings etwas teurer, dafür aber auch sehr saugfähig sind.

  1. Kannst du für den Lesern einige Markenempfehlungen geben?

Die Windeln sind in der Qualität schon ein wenig unterschiedlich. Gerade wie dicht der Stoff ist, spielt eine Rolle in Bezug auf die Saugfähigkeit. Es muss nicht das Teuerste sein, aber es lohnt sicher nicht nur auf den Euro zu schauen, zumal das System an sich relativ günstig ist.

Hier eine AIO (All in one = alles in einem):


Die Gummihosen habe ich im Sanitätshaus bekommen. Da gibt es nicht so viel Auswahl. Die Hosen des Herstellers Suprima sind aber gut verarbeitet und haben sich bislang bestens bewährt. Diese gibt es auch in verschiedenen Materialien (Baumwolle mit Schutz außen, PU, PVC). Ich selber habe einige Modelle probiert und mich letztlich für die einfache Ausführung aus PVC entschieden, da diese zum einen sehr sicher sind, nach dem Waschen sehr schnell trocken und wieder einsatzbereit und dazu noch vergleichsweise günstig sind.

  1. Abschließend: Hast du sonst noch was auf dem Herzen? Was möchtest du der Außenwelt in Bezug auf Inkontinenz bei Erwachsenen und der Versorgung mit (Stoff-)Windeln sonst noch mitgeben?

Am belastenden habe ich immer das Tabu empfunden, das mit diesem Thema verbunden ist. Man sollte sich nicht schämen müssen!

Abschlussworte

Für mich war es sehr interessant dieses Interview zu lesen. Danke nochmals Dieter, für deinen Mut, dies mit uns zu teilen! 
Ich finde es bewundernswert, dass Dieter diesen Schritt geht und wünsche mir, dass durch diesen Beitrag andere Betroffene oder Angehörige von Betroffenen auf die Idee kommen, ihre Inkontinenzversorgungen im Bezug auf Nachhaltigkeit mal unter die Lupe zu nehmen. 😊
Umweltschutz und Nachhaltigkeit ist in dieser Zeit groß in aller Munde. Jeder möchte Produkte, die fair produziert wurden und biologisch sind (gut, vielleicht nicht alle, aber viele). Doch wie steht es mit einem selber? Wie viel ist jeder selber bereit für einen besseren Umgang mit der Natur zu geben?

In den letzten Jahren hat sich auf dem Markt enorm viel getan und mittlerweile gibt es viel gute und funktional einfache Inkontinenzversorgung für Erwachsene und große Kinder!
Siehe auch meine letzten Beiträge: Stoffwindelversorgung in der Nacht für große Kinder oder Stoffwindeln für große Kinder


Es dürfen gerne Kommentare abgegeben oder Fragen gestellt werden, jedoch bitte sachlich, im Bezug zur Thematik und nur direkt unter diesem Blogpost hier. Beleidigende oder hetzerische Kommentare werden kommentarlos gelöscht oder gar nicht erst veröffentlicht. Fetischisten sind ebenso wenig erwünscht wie geduldet, dies ist für mich eine krankhafte Störung, die psychologischer Hilfe bedarf. Verstöße werden zur Anzeige gebracht.

 

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Carmen Pa sagt:

    Chapeau an euch Beide.

    Ein sehr interessantes Interview. Ich hätte dine Frage. Warum lagerst du die Einlagen im Essigwasser? Das sollte ja nicht mehr nötig sein. Oder ist das bei Erwachsenen anders?

    Gefällt 1 Person

    1. Anni Side sagt:

      Danke! Bezüglich deiner Fragen: Du hast vollkommen recht, bei modernen Stoffwindeln rät man bei der Lagerung in Essigwasser ab, da dies unter anderem die Gummis der Überhosen auf Dauer schädigt.

      Wie das Dieter jetzt genau handhabt, kann ich nicht sagen, aber ich vermute, er legt nur seine Mullwindeln bis zur nächsten Wäsche in Essigwasser ein. Essig hat ja die Eigenschaft Geruch zu neutralisieren. Ich könnte mir vorstellen, dies ist ein Grund für ihn. Du merkst, ich gebe mich Mutmaßungen hin.
      Babyurin riecht nicht so streng wie Erwachsenenurin.

      Ob dies wirklich stimmt… Dazu bezieht Dieter vielleicht noch selbst Stellung.

      LG, Anni

      Gefällt mir

      1. Dieter sagt:

        Es ist in der Tat nur um Geruchsbildung zu vermeiden. Es mag etwas veraltet sein, ich benutze aber ja auch das klassische System aus Mullwindel und Überhose. Selbstverständlich kommen nur die Mullwindeln in das Essigwasser. Die Gummihose nimmt ja keine Feuchtigkeit an und wird daher trocken aufbewahrt / bis zur Wäsche gesammelt. Die AIO´s trage ich nur selten. Diese kommen dann aber auch nicht in Essigwasser.

        Gefällt 1 Person

    2. ichdannmal sagt:

      es gibt aber auc h schon set jahren mullwindlen in der erwachsenenausführung
      die dann 160×160 sind (oder anders gesagt 4x so gross wie die für kleine babys)
      ich habe mir aber auch schon windeltücher machen lassen die 240×240 sind

      Gefällt mir

  2. papawickelt.de sagt:

    Hallo Dieter*,

    Ich finde es unglaublich mutig von dir an diesem Beitrag mitzuarbeiten. Ganz große Klasse!
    Die Frage nach Windeln für „Große“ kommt immer mal wieder auf.

    Deshalb finde ich es toll, endlich einmal auf einen Erfahrungsbericht zurückgreifen zu können!

    Hast du auch mal andere Materialien wie Hanf oder Bambusviskose probiert?

    Freue mich auf den Austausch!

    Liebe Grüße
    Oliver

    Gefällt 1 Person

    1. Dieter sagt:

      Danke für den Zuspruch.
      Bislang habe ich nur Mull- bzw. Moltonwindeln aus Baumwolle in Gebrauch.
      Außerdem gelegentlich die AIOs und einige Vorlagen von Texamed.

      Gruss
      Dieter

      Gefällt 1 Person

      1. Anni Side sagt:

        Hallo papawickelt.de,
        wir hatten gestern über Instagram ja schon das Vergnügen. Danke nochmals für das nette Gespräch!

        Ich hatte vor einigen Jahren schon mal einen Blogartikel über Stoffwindeln für Erwachsene verfasst. Diesen Blog gibt es aber nicht mehr und der Artikel ist leider gelöscht. Schade! Manchmal sollte man solche Dinge irgendwo abspeichern….

        Dazumal hatte ich mich schlau gemacht, wo man Online große Stoffwindeln herbekommt. Ich bin überwiegernd auf Chinaware gestoßen, die man über Aliexpress beziehen kann. Dies hat mir dazumal auch ein Betroffener empfohlen.

        Mittlerweile haben mehrere Hersteller auch auf diesem Gebiet erweitert. Unter anderem Blümchen, um eine österreichische Marke zu nennen. 🙂

        Aber auch einige amerikanische Stoffwindelhersteller bieten Stoffwindeln für Große an.

        Daneben halt noch das klassische System, wie Dieter es nutzt. Er schrieb ja schon, dass er seine Überhosen aus einem Sanitätshaus bezieht.

        Ich habe den Markt in den letzten Jahren etwas beobachtet. Es tut sich was!

        Mein Traum ist, dass es salonfähig wird, auch im Pflegebereich. Nicht mehr als schmuddlig, ekelig und rückständig betrachtet wird, sondern als echte Alternative zu Einwegware!

        Danke für deinen lieben Kommentar!

        LG Anni

        Gefällt mir

  3. ichdannmal sagt:

    es gibt aber auch schon set jahren mullwindeln in der erwachsenenausführung
    die dann 160×160 sind (oder anders gesagt 4x so gross wie die für kleine babys)
    ich habe mir aber auch schon windeltücher machen lassen die 240×240 sind

    Gefällt 2 Personen

    1. Anni Side sagt:

      Danke für die Info. Gute Idee, mit dem selber nähen bzw einfach größere anfertigen lassen! Wo hast du das machen lassen? Als Tipp für Betroffene?

      Gefällt 1 Person

  4. ichdannmal sagt:

    Die 160×160 cm windeltücher gibt es im saniladen oder imim netz bei saveexpress das stück grosse 160iger windel kosten zur zeit 6,66€
    Und meine selbstgemachte hab ich mir von einer sehr lieben mutti zusammennähen lassen die ihre windeln nicht mehr brauchte für ihre babys

    Gefällt 1 Person

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